Curia Generalis Fratrum Minorum

HODIE SALVATOR APPARUIT (Rom, Weihnachten 2000)

"Und sie werden Kinder des himmlischen Vaters sein, dessen Werke sie tun. Und sie sind Anverlobte, Brüder und Mütter unseres Herrn Jesus Christus" Franz von Assisi, BrGl II, 49-50

Liebe Schwestern und Brüder,

"Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt": auf diese einfache und zugleich paradoxe Weise kann man die unvorstellbare Verbindung Gottes mit dem Menschen beschreiben. Der Allerhöchste nimmt die arme, ja wirklich arme Gestalt eines wehrlosen, ungeschützten und schwachen Kindes an, dem sich alle nähern und das alle ohne Furcht unter sich aufnehmen können: jeder kann mit ihm machen, was er will.

Der Gott, der sich in Jesus Christus offenbart, der mitten in unsere Geschichte eintritt, ist ein armer, demütiger, entäußerter Gott, der um alles betteln muss, vor allem um Liebe und Aufnahmebereitschaft.

Gott ist Armut: dieses war die mitreißende Entdeckung des Franziskus und der Klara. Und sogleich haben sie sich dann in seine Nachfolge begeben, auf die Suche nach ihm, indem sie alles hinter sich ließen, ohne lange zu überlegen, ohne Bedingungen zu stellen, ohne Verträge, in uneingeschränkter Verfügbarkeit: "Mache mit mir, was du willst: was du auch immer mit mir vorhast, ich nehme es dankbar an" (C. de Foucauld).

Gott begegnet man erst, wenn man den Weg der Armut einschlägt, der gleichzeitig radikale Trennung, Freiheit und Raum bedeutet, in dem Gott von neuem zur Welt kommen kann. Seit jener ersten Weihnacht, die von Armut und Schlichtheit bestimmt war, ist Gott stets auf der Suche nach einem aufnahmebereiten Mutterschoß und auf ewig ein Ungeborener auf der Suche nach einer Mutter aus Fleisch, nach einem Geschöpf, auf das er seinen Geist herabsenden kann, um noch einmal in dieser Welt geboren zu werden.

Es ist wieder Weihnachten, wenn wir in uns seine Gegenwart sichtbar werden lassen, trotz der Finsternis der Sünde und der Untreue; wenn unsere Werke zu sichtbaren Zeichen einer immer innigeren und fruchtbareren Verbindung werden; wenn wir zur Epiphanie werden, zur Erscheinung Gottes, der sich dem anderen und der Welt offenbart.

Es ist wieder Weihnachten, wenn es uns auf prophetische Weise gelingt, jenseits allen Anscheins, aller komplexen und widersprüchlichen Begebenheiten der Geschichte, in jedem Ereignis und in jeder Begegnung die Wehen einer neuen Geburt zu spüren, das Wimmern eines Geschöpfes, das das Licht der Welt erblickt; wenn es uns gelingt, dort eine lebendige Gegenwart zu erkennen, wo andere nur einen Zufall sehen oder bedeutungslose Ereignisse.

Seit jener ersten Weihnacht sind wir nicht mehr allein: Gott hat sich nicht mehr von uns entfernt. Wir sind es, die wir oft zu fliehen versuchen, indem wir uns in die Suche nach einem falschen Bild stürzen oder nach einem Bild, das dem von ihm gewollten wenig entspricht oder im Widerstreit zu ihm steht. Und am Ende sind wir besorgt und erleben uns als Gefangene unserer selbst.

Weihnachten verweist uns auf das Ende jener ängstlichen und zerstreuenden Flucht des Menschen, der sich von sich selbst und von Gott, der ihn sucht und auf ihn wartet, entfernt hat. Jedes Weihnachtsfest ist ­ und das wird auch in Zukunft so sein müssen - eine Etappe jenes so einfachen und gleichzeitig so schwierigen Weges, der uns wieder zu dieser Begegnung der Läuterung zurückführt, in der uns gezeigt wird, wer wir sind und wer wir werden müssen.

Liebe Schwestern und Brüder, wie schön wäre es doch, dieses Weihnachtsfest des Heiligen Jahres mit den gleichen Gefühlen feiern zu können, mit denen Maria den Heiland empfangen und geboren hat! Uns ganz Gott hingeben, zulassen, dass seine Kraft, die fruchtbar macht, in uns wirksam wird, um ihn erneut für die Welt zu gebären: das ist der eigentliche Auftrag unseres Lebens. Weihnachten feiern heißt nicht, sich mit Sehnsucht an ein vergangenes Ereignis erinnern, sondern in uns den Keim des göttlichen Lebens aufnehmen, der bereits in uns wohnt, und ihn in uns wachsen lassen; und das Wort "empfangen", damit es wieder sichtbar und glaubwürdig, ja wirklich präsent wird. Unser Leben ist ein Aufruf zu dieser "Geburt" Gottes in uns und unter den anderen.

"Mütter sind wir, wenn wir ihn durch die Liebe und ein reines und lauteres Gewissen in unserem Herzen und Leibe tragen; wir gebären ihn durch ein heiliges Wirken, das anderen als Vorbild leuchten soll"
Franz von Assisi, BrGl II, 53

Für jeden von uns, ob Mann oder Frau, ob jung oder weniger jung, ob gesund oder krank, besteht also die grundlegende Verpflichtung und die eigentliche Aufgabe darin, Gott in der Welt, in diesem historischen Augenblick gegenwärtig zu machen; und so geht der im Heiligen Jahr begonnene Weg weiter bis zur endgültigen Begegnung mit dem Vater.

Und dies ist mein Wunsch an jeden einzelnen von euch. Der Herr segne uns alle, er zeige uns sein Angesicht und schenke uns seinen Frieden in seinem Mensch gewordenen Sohn.


Br. Giacomo Bini ofm - Generalminister

Prot. 090355

Updated on: Thursday, December 07, 2000 - eMail: comgen@ofm.org



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